Der polnische Kommissar



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. Diskreter Charme der Bourgeoisie

Doch das ist längst noch nicht alles.
Die „Alte“ muss stinkreich sein. (Gewesen sein).
Zieht „jede Pharmastudie durch“. Gerade die, wo man anderswo, seit man diesem Treiben der Psychiater etwas kritischer auf die Finger sieht, doch lieber Zurückhaltung übt.
Dass so was in der „Alterspsychiatrie“ ablaufen könnte, hat man anderenorts irgendwie nicht so gecheckt. Und das wusste Frau Kraepelin.
Krupinski will von „Kopfgeldern“ wissen, 3000 für jeden abgeschlossenen Fall.
Als Kraepelin dienstlich angewiesen hat, „Astrogin“ und „Lexobil“, neuartige „SSRI“, auf jeden Fall nur noch einzusetzen – wehe, die haben nicht auf den Medikamentenverordnungsplänen gestanden – stehen die drei „Akutstationen“ der Psychogeriatrie Kopf. Sämtliche Omas und Opas sind durchgeknallt.
Fast 11 Monate geht das so.
In der Zeit werden „Schweigegelder“ gezahlt, Assistenten überraschend mit 1000-DM-Schecks beglückt.
Das dreimal im Jahr.
Alle halten die Klappe. Keiner will auf das Geld verzichten, in froher Erwartung vielleicht noch weiterer Schecks.
Gerade die jungen Kollegen nicht, die jetzt wegen ihrer 1-Jahresverträge von Existenzängsten geplagt sind.
Wenn die 21000 bis 24000 dreimal im Jahr freiwillig raus rückt, wieviel muss die dann kassiert haben.
Dann sind diese „Studien“ wohl abgeschlossen.
Gelder für die Assistenten gibt es zumindest keine mehr.
Wo die Alte ihr Geld lässt, weiss keiner.
Krupinski geht von Konten in Luxembourg aus.
Die Alte ist zu blöd, angeblich nicht dauernd auf Weiterbildungen, auf Kongressen in gerade nun diesem Fürstentum zu weilen. Das ist zumindest Krupinski aufgefallen.

Aber man macht auch gerne Urlaub in der Schweiz und in Österreich.
Und da sind besondere Abrechnungsmodalitäten.
Man genießt aufgrund eines alten Vertrages den Vorzug, nur 20 Prozent an die Klinik abführen zu müssen.
Luxusvertrag.
Neurochirurgen, die neu anfangen, müssen bis zu 90 Prozent ihrer 5000 DM für einen Eingriff bei einem „P“ an die Klinik abführen.
Vor 6 Jahren hat der Landschaftsverband das ändern wollen und auch bei allen „Abteilungsärzten“ in der RLK Kaiserberg durchgesetzt.
Paulsen, der Analytiker, muss jetzt für jede Stunde in seinem Haus 18 nicht weniger als 50 Prozent abdrücken.
Und tut das auch, dieser Simpel.
Nicht so unsere Chefärztin.
Wie ist das zustande gekommen? Unklar.
Und wenn die bei einem „Privaten“ in der Woche siebenmal das volle Programm fährt, zweimal am Tag Infusionen, „Visite“, V, (das heißt Stationsschwester beleidigen), „Gesprächstherapie“, GT, (das heiß Patienten beschimpfen), und Einzeltherapie, ET, (das heißt, einer völlig Dementen theatralisch um den Hals fallen), sind das locker über 50 DM. Über 100 DM, wenn sie für ihre Aktionen dann noch mehr als den zweifachen Satz durchkriegt, rechnet Krupinski vor.
Das bei 22 Patienten, den die P-Station 8 C ist grundsätzlich chronisch überbelegt.
Von Station 8 B kommen noch weitere Patienten hinzu.
Abzüglich 20 Prozent für die Klinik.
Diese Zahlenspiele suggerieren vor allem eines: Begehrlichkeiten.
Diesen Kuchen hat die Abteilungsärztin mit anderen geteilt…

… Kraepelin-Liebholdt, wie Krupinski erläutert. Liebholdt, die Oberschlange im Vorzimmer von Hohlschnitt, dem neuen Klinik-Chef.
Deren Macht sei ins Wanken geraten, seit Schneider, der greise Vorgänger von Hohlschnitt, denn doch gegangen wurde.
Bis dahin hat „die Liebholdt“ diktatorisch tyrannisiert, was sich Arzt und Psychologe nennt.

Zusammen mit ihrer besten „Freundin“, Chefärztin Kraepelin eben.
Die Liebholdt kennt kein Privatleben. Die Kraepelin hatte auf alle Fälle eines.
Die Liebholdt hat in der „Familie“ der Freundin daher mitlaufen dürfen, musste von Kraepelins Kindern als „Tante Rena“ ertragen werden.
Renate Liebholdt und Christiane Kraepelin haben „Kaiserberg“ regiert. Fast 20 Jahre lang.
Die anderen vier „Abteilungsärzte“ haben ein Nebenkriegsdasein geführt, erschienen den beiden Ottern unwichtig.
Hatten nie das Format, den beiden Frauen irgendwie gefährlich zu werden.
Als zwei brandgefährliche Damen haben diese beiden gewissermaßen Professor Schneider gedeckt.
Den König in dem Spiel. Faschodiktator der besonderen Art.
Der hat die beiden die Dreckarbeit machen lassen. Hat sich um die eigene Drecksarbeit gekümmert, die ihm wichtiger erscheint. „Wissenschaft“ zum Beispiel, Synonym für als Studien getarnte Menschenversuche, die menschenverachtender nicht hätten operationalisiert werden können. Eine Generation durch Neuroleptika entstellter Wracks sprechen für sich, neben vielem anderen.
Dazu Elektroschocks, Elektrokrampfbehandlung, neurolektrische Durchflutungstherapie. Bis zuletzt ohne Anästhesisten. Wofür?
Kraepelin, seine „Ziehtochter“, wie es geheißen haben soll, hat nie auch nur im Ansatz an die anerkannte Kapazität des „biologischen“ Psychiaters herangereicht.
Denn vor den allfälligen Skandalen, die unvermeidbar die Klinik überzogen hätten, schützt Schneiders hochbürgerliche Attitüde, darum „Orator“.
Und wer manisch oder psychotisch ist, hat in Schneider einen der wenigen Experten gefunden, die das mit Neuroleptika tatsächlich irgendwie hinbogen.
Schneider hat das schließlich drauf, nachdem er über 20 Jahre mit dem Zeug herumexperimentiert hat.
Schneider hat daher wirklich als „Therapeut“ gegolten, worauf kaum ein Psychiater Anspruch erheben kann. Schneider auch nicht. Aber mit Psychopharmaka hat der umgehen gelernt.

Und darum hat Schneider in großem Stil das durchziehen können, was seine Ziehtochter Kraepelin im Kleinen nachdilettiert.
Schneider ist nie ernsthaft was passiert. Trotz der extremen Missstände in der Meisenburg, einem menschenverachtenden System, primär darauf ausgerichtet, gescheiterten Figuren mit unlauteren Absichten ökologische Nischen für erträgliches und gutes Leben zu ermöglichen. Unter dem Deckmantel psychiatrische Klinik gewissermaßen.
Noch was gibt Krupinski den Kriminalisten mit auf den Weg und legt damit offen, dass er selbst nichts anders ist als Intrigant.
Sie brauchten nur nicht zu glauben, dass die Lübbert, diese fette Schlampe, gleich die Polizei gerufen habe.
Nein, mit Sicherheit ist erst die Liebholdt am Tatort gewesen.
Beide übrigens, die Liebholdt und die Lübbert, falls noch nicht erwähnt, beste Freundinnen.
Und man könne getrost davon auszugehen, dass diese beiden, Liebholdt und Lübbert, in dem Zimmer auch erst das eine oder andere an Maßnahmen und Verrichtungen vorgesehen hätten – bis sie es dann für angemessen erachtet hätten, die Polizei zu alarmieren.

Schweigend bewegt Ryblan sich zum Wagen von Lydia.
Mag einiges von dem stimmen, was dieser schrecklich aufgeblasene Angeber da verbreitet hat.
Doch fängt Ryblan gerade erst an.
Krupinksi hat keine Ahnung, dass er Steilvorlagen geliefert hat.
Wird – heute noch – eine unliebsame Überraschung erleben.
Die erwartet auch diese „Liebholdt“.
Braucht ein bisschen Vorbereitung, der besondere Service der Kriminalisten.
Die „Vorzimmer-Dame“ wird bis morgen oder übermorgen warten müssen, aber dann …